Blumensinn
Neulich fragte mich ein Kind
für was denn Blumen sind.
Ich versuchte Erklärung zu geben
und sprach Blumen bedeuten Leben .
Da nahm mich das Kind an der Hand
und zog mich zum Grabesrand
und fragte, was machen die Blumen, die roten
dann am Bett eines Toten.
Zukunftsträume
Vögel tot vom Himmel fallen,
Kinder sich an Mütter krallen,
Fische mit gebrochnen Augen,
Würmer an Kadavern saugen.
Wasser blau und rötlich schimmern,
Kinder in der Stille wimmern.
Ein Körper sich in Laken windet,
ein andrer Glück im Glase findet.
Aus Kaminen steigen Gifte bunt,
auf der Straße fault ein Hund.
Kinderschreie aus den Häusern klingen,
der Tod beginnt sein Lied zu singen.
Durch die Erde geht ein Beben,
Kinder liegen ohne Leben.
Uhren bleiben plötzlich stehen –
Die Zeit hat aufgehört zu gehen.
Wohlstandsgesellschaft
Zahncremegepflegte Zähne blinken,
nikotingeschwängerte Lippen stinken.
MakeUp-gebräunte Gesichter nur mühsam decken,
eitergefüllte Pickel, die am Körper hochlecken.
Wohlschmeckende Schnäpse und Weine,
aufgedunsene Bäuche, wie Schweine.
Fettglänzende Torten und Kuchen,
man muß nicht lange suchen.
Bei Kaffee und Cola, da plaudert s sich gut,
Ùnd in den Adern rauscht rasend das Blut.
In Dosen und Flaschen, eine Vielfalt Tabletten,
man kann sich durch sie vorm Schlimmsten doch retten,
und in Not ruft man Gott – und vergißt,
daß auch er ein Opfer des Wohlstandes ist.
Saurer Weihnachtsschnee
Ich sah paar Deutsche in dem Wald,
es war Samstag und bitterkalt.
Sie suchten Weihnachtsfichten
und konnten keine sichten,
denn die Bäume waren braun,
man sah sie in der Gräue kaum.
Saurer Regen hatte sie zerfressen,
für Weihnacht konnt` man sie vergessen.
Schnell hat man das Problem erkannt,
mehr Plastikbäume braucht das Land.
Gestern
Gestern mußte es gewesen sein,
er war alt, häßlich und klein.
Jahrgang 1920 war der Mann,
er war in der Kneipe, in der Kneipe nebenan.
Er saß mir gegenüber am Tisch,
er war alt, doch seine Gedanken frisch,
und er erzählte, wie alles begann,
und daß er heute doch dafür nichts kann.
Mit Falten über weißen Brauen
sprach er vom Elend und vom Grauen,
sagte was von Deutschen und von Juden,
von Kindern, vom Führer und vom Guten.
Malte mir die Schützengräben,
Soldaten und verlorene Leben,
erzählte was von Vaterland und Kameraden,
vom Arbeitsdienst und blanken Spaten.
Sprach von Ideen und Gedanken,
vom Lazarett und blutig Kranken,
überhaupt vom ganzen schlimmen Krieg
und von einem nie gewonnenen Sieg.
Gestern mußte es gewesen sein,
Jahrgang 80 war der Wein.
Wir hatten mehrere Gläser getrunken
Und ich war in Gedanken versunken –
Und plötzlich hör ich Bomben fallen,
Gewehre und Kanonen knallen –
Vor mir steht der Wein, verdorben,
der Alte ist schon längst gestorben.
Aus langem Schlaf bin ich jetzt aufgewacht
Und hör zu spät, daß es schon wieder kracht.
Weihnachtsstimmung
Bald ist Weihnachten
Gänse schlachten
durch Straßen laufen
Geschenke kaufen
Weihnachtspakete
Farbfernsehgeräte
Kassen klingen
Lieder singen
Körbe schleppen
Rauf die Treppen
Bibel lesen
Bockbier am Tresen
Kirchturmglocken
neugestrickte Socken
Kerzen brennen
Kinder rennen
In warmen Räumen
Lametta an Bäumen
Wein aus dem Keller
Braten auf Teller
Rotwein trinken
in Andacht versinken
Geflügel essen
Und Weihnacht vergessen
Schon wieder
Weihnachten steht vor der Tür,
jährlich erhofft man gute Kassen.
Totenmontag ist der Start der Kür,
und ab Silvester kann man` s wieder lassen.
Waffenstillstand auch im Libanon,
für die Armen Brot und Geld.
Kirchenchöre singen christlich Kanon,
in Ordnung ist die Weihnachtswelt.
In Schaufenstern Polyesterschnee,
auf Glatteisstraßen Salz.
Im Ofen brutzeln Gans und Reh,
der Gattin Diamanten für den Hals.
Krieg gibt`s nur in Kinderstuben,
Puppen, Panzer, Video.
Es freuen sich die Mädchen und die Buben-
Weihnachten war immer so.
Am Festtagsschmaus man kaut,
plötzlich Blaulicht in der heilgen Nacht,
man eilt ans Fenster und man schaut,
da hat sich jemand umgebracht.
Und dann ist endlich Schluß –
man hat noch Kummer mit dem Magen,
schon gibt man sich den Neujahrskuß
und hört die Leute sagen
Viel Glück und Segen
für das nächste Jahr,
wir wollen weiterhin gut leben
und Weihnachten muß bleiben wie es immer war.
Alter Mann
Es steht ein alter Mann,
er steht auf einer Krücke,
steht dort und weint.
Er weiß, daß er nicht kann,
gehen über eine Brücke,
dorthin wo Sonne scheint.
Doch wagt er den Versuch,
er nimmt den Stock als Halt
und geht ein Stück.
Er hinkt im grauen Tuch,
er stürzt in Fluten kalt.
Der alte Mann hat Glück,
denn er ist alt.
Geburt einer Antwort
Ein weißes Blatt
stellt an mich Fragen.
Es liegt da, leer und glatt
ich kann ihm nichts sagen.
Mit blasser Unschuld,
doch voller Gier,
schmerzende Ungeduld,
es greift nach mir.
Es erwacht der Verstand
aus tödlich weißer Umarmung.
Es hebt sich die Hand
aus Zweifel und geistiger Verarmung –
und schließlich schreibe ich
und schaue auf das Blatt -
Es packt Entsetzen mich,
das Papier ist leer und glatt.
Morgentod
Auf der nassen Gasse
Fetzen von Papier.
Ein Hund von falscher Rasse
schnappt danach voll Gier,
schnüffelt blind nach Spuren,
Uringeruch von andren Hunden.
An Mülltonnen lehnen Huren,
sie stehen dort schon Stunden.
Ein Bettler zählt,
am Tage blind,
aus seinem Hut das Geld,
schaut ob es stimmt.
Gröhlen dringt aus Rachen,
ein bös` gemeinter Fluch.
Huren heiser lachen
Parfum- und Schnapsgeruch.
Krach aus scheibenlosen Fenstern,
der Hund wird hart getreten,
von betrunkenen Gespenstern,
Menschen, die nie beten.
Alkoholiker erbrechend lallen
ein Lied aus der Vergangenheit,
taumelnd auf das Pflaster fallen,
für das Leben nicht bereit.
Zerstörend weht der Wind
einen kühlen Hoffnungsduft.
Erwachend schreit ein Kind,
die Kirchturmglocke ruft.
Am Himmel zeigt sich Morgenrot,
Leere auf der nassen Gasse,
nur ein Hund liegt kalt und tot,
er war von falscher Rasse.
Draußen vor der Stadt
Zwischen Abfall und Baracken
spielen zukunftslose Lumpenkinder.
Quälen Fliegen, Spinnen, Kakerlaken,
lernen früh ihr Werk als Schinder.
Geboren wurden sie als Außenseiter,
unehelich und ungetauft.
Sie haben keine Eltern, leider,
ihre Seelen sind schon längst verkauft.
Sie wachsen auf in Wohlstandsmüll und Stein,
stehlen alten Leuten Krücken
sie treten ihnen an das Bein ,
zeigen lachend laut Zahnlücken.
Bewerfen sich mit Hundekot,
fangen Würmer, Mäuse, Spatzen,
machen sie ganz langsam tot –
sie schlagen sich, beißen und kratzen.
Spaß ist es ihnen, sich zu raufen,
und es tut den Kindern gut.
Auch lernen früh sie Schnaps zu saufen,
aus Unschuld, Ohnmacht, Angst und Wut.
Sie lärmen, spucken, saufen, fluchen
und in den Trümmern ihres Lebens
nach Spuren von Gefühlen suchen –
doch das ist in ihrer Welt vergebens.
Draußen vor der Stadt spielen die Lumpenkinder,
keiner weiß, daß es sie gibt.
Unschuldig sind sie, keine Sünder,
denn niemand hat sie je geliebt.
Kreisläufe
Neulich an der Wand,
da hab´ ich eine Spinne erkannt.
Ich habe sie erschlagen
und auf einer Schaufel rausgetragen –
heut´sind es Fliegen, die mich plagen.
Hinterhöfe
In grauen Tälern spielen,
wo einst die Bomben fielen,
gekleidet schwarz, die Kinder –
eins Polizist, das andere den Sünder.
Von grauen Wänden hallen,
wo heute Worte fallen,
der alten Steine Fluch –
dort spielt das Kind im blut´gen Tuch.
Es glänzt in Kindesaugen Unschuld,
und nur die Steine warten mit Geduld,
und graue Täler stumm nach oben blicken –
wann wird der Himmel wieder Bomben schicken ?
Der Kranke
Die graue Wand ihn steinigt,
der leere Blick ihn peinigt.
Der Lärm der Welt ihn stört,
der Große ihn nicht hört.
Vom weißen Gift verzückt ,
von vielen Worten ganz verrückt,
vom Hauch des Traumes eingehüllt,
vom eignen Ich völlig erfüllt.
Erstickt im dunklen Blut,
ertränkt im blauen Rauch,
er liegt dort ohne Mut,
es fault dahin, der blasse Bauch.
Es färbt das weiße Tuch sich rot,
es packt den Körper Ungeduld –
und doch ist er schon tot.
Man wäscht die Hände sich in Unschuld.
Nachruf
Sie trugen einen zu Grabe
am kalten Januarmorgen,
Stellvertreter war er, 23 Tage,
und lange danach ist er gestorben.
In Braun und Schwarz, die Gäste,
vergossen sie blutige Tränen
und dachten an alte Feste
und wie sie sich danach sehnen.
Alte und neue Soldaten
standen am Sarg, fahnenbedeckt,
stolz auf vergangene Taten,
Heldenköpfe zum Himmel gereckt.
Sie haben ihn verehrt
und hatten von ihm Orden.
Sie fühlten sich nicht verkehrt,
sie hatten sie für Treue, nicht fürs´ Morden.
Stellvertreter sind sie alle
für fast vergessene Sorgen.
Es steht bereit die Falle,
zuschnappen kann sie morgen.
Treue bis zum Grabe
im kalten Januar.
Sie ist gestorben, die Sage –
aber ist das wirklich wahr?
Du tote Taube
Du schwarzes Kind im Hungerland,
schweres Maschinengewehr in zarter Hand,
wirf doch deine Waffe fort,
sonst begehst du Völkermord.
Du weißer Mann am Straßenrand,
mit weißem Vogel in blutiger Hand,
laß doch die Taube fliegen
und laß sie für den Frieden siegen.
Du Christ im reichen Abendland,
gib` dem schwarzen Kind die Hand
und gib ihm heute Wasser, heute Brot,
sonst seid ihr beide morgen tot.
Du Kind, du Mann, du Christ,
ihr habt den Vogel nie gekannt
der gegen Kriege ist.
Novemberland
Auf Deutschlands Straßen ist es kalt,
durch Deutschlands Straßen schleicht Gewalt.
In Deutschlands Straßen laufen Kinderglatzen
und tragen lachend braune Fratzen.
Hirnlose, die sich nicht genieren
Mahnmäler zu beschmieren.
Wer heute sich vergeht an Wänden,
will morgen vielleicht Menschen schänden
Leere Köpfe schamlos Unwahrheiten sagen
und durch die Straßen Opfer jagen.
Durch Deutschlands Straßen rast Gewalt,
wann sagen wir denn endlich „Halt“.
Judengräber
Steht auf in den Straßen Deutschlands
Erinnert euch, übt Toleranz
Endstation
In einem Wartesaal,
von Neonlicht geblendet,
umgeben von den Wänden kahl,
ab und zu ein Kopf sich wendet.
Aus Lautsprechern dröhnen Stimmen,
ein Zeitungsjunge schreit.
Auf den Bänken Kippen glimmen –
noch ein kleines bißchen Zeit.
Menschen hasten ohne Gruß,
auf Toiletten Pfützen stehen,
hier und dort ein kurzer Kuß –
die Frau mit Stock, sie kann nicht sehen.
Uringeruch und welke Blumen,
ein Würstchen wird gegessen.
Auf kalten Fliesen Brötchenkrumen,
ein Alkoholiker fühlt sich vergessen.
Der Mann mit Glatze spricht von Kur,
eine Mutter sucht ihr Kind.
Augen schauen aufgeregt zur Uhr,
durch Pendeltüren weht der Wind.
Ein Junge leckt an Erdbeereis,
Sahne tropft auf seine Hände.
Draußen rollen Züge, Gleis an Gleis,
doch die Reise ist schon längst zu Ende.
Der unglückliche Mensch
Ich kannte einmal einen Menschen, der war sehr un-glücklich.
Er hatte kein Brot zu essen, kein Wasser zu trinken, keine Kohlen zum Heizen.
Ein armer Mensch.
Viel mehr hatte ich auch nicht, aber ich gab ihm etwas Geld, denn ich war glücklich.
Irgendwann traf ich den Menschen wieder. Er war im -mer noch unglücklich.
Er hatte kein Fleisch zu essen, keinen Wein zu trinken, kein Öl zum Heizen. Er hatte keinen Fernseher zum Sehen, keinen Wagen zum Fahren.
Viel mehr hatte ich auch nicht, nur ein wenig Geld, das ich ihm gab, denn ich war glücklich.
Als ich ihn wieder traf, hatte sich nichts geändert.
Da er keinen Kaviar zu essen hatte, keinen Champag -ner zu trinken, keinen Kamin zum Heizen, keinen Pool zum Schwimmen und keinen schnellen Wagen, war er immer noch unglücklich.
Ich hatte nicht viel mehr und gab ihm etwas Geld, denn ich war glücklich.
Als ich ihn zum letzten Mal traf, erschrak ich. Er hatte zwei große Wagen, einen Farbfernseher, ein schönes Haus, zu essen und zu trinken im Überfluß.
Aber er war krank und wußte, daß er sterben mußte. Er war sehr unglücklich.
Kurz vor seinem Tod erzählte er mir, daß er sich sein ganzes Leben lang einen Menschen gewünscht hatte.
Ich hatte viel mehr als er, aber ich konnte ihm nichts mehr geben.
Ich war sehr unglücklich.
Letzter Abschied
Zusammen gestritten
zusammen gelitten,
in Freude und Leid ,
Angst vor der Einsamkeit.
Einer muß gehen,
einer bleibt stehen,
am Ende des Gebens
am Ende des Lebens .
Nie wieder zusammen
essen und trinken,
nie wieder zusammen versinken
in gemeinsamen Räumen,
in gemeinsamen Träumen.
Sich trennen müssen,
sich nie mehr küssen,
sich nie mehr berühren,
sich nie wieder spüren.
Rote und weiße Nelken
werden auf Gräbern verwelken
und man wird sich zurücksehnen
nach Glück und Tränen,
voller Schmerzen,
nur Leere im Herzen.
Begegnung auf der Wüste „Erde“
Zwei Menschen unterhalten sich.
„ Warum ist das eigentlich geschehen?“ fragt der Jüngere.
„Ach ja, warum?“ seufzt der andere.
„Habt ihr denn nicht gewußt, wohin das alles führt ?“
„Na ja, gewußt, was heißt gewußt ?“
„Aber es gab doch genug, die immer gewarnt haben ?“
„Gewarnt schon, wir haben es auch irgendwie geahnt, aber wissen wollte es keiner.“
„Und dagegen getan habt ihr erst recht nichts, oder?“
„Was sollten wir denn viel tun ? Außerdem hatten wir unsere Politiker.“
„Ja habt ihr denen denn vertraut?“
„Wir hatten sie schließlich gewählt.“
„...und so die Verantwortung an andere weitergegeben.“
„Das war halt damals so üblich. Wir waren doch froh, wenn wir unsere Ruhe hatten.“
„Gut, die habt ihr ja jetzt.“
„Na, na, ihr Jungen hättet damals auch nicht viel unternommen.“
„Wir hätten uns dagegen gewehrt !“
„Ach ja, seufzt der Alte, das haben wir unseren Eltern auch immer gesagt.“
Die beiden trennen sich hinkend. Es ist die Zeit nach dem letzten großen Krieg.
Das 3. Jahrtausend hat gerade begonnen.
Du Freund
Du und ich
seit Geburt
begleitest mich
schon lange
jeden Tag
jede Stunde
jede Sekunde
bist so fern
bist so nahe
lebst mit mir
schläfst mit mir
berührst mich nicht
brauchst mich
ich brauche dich
wie ein Engel
ohne Gesicht
immer dabei
verläßt mich nicht
wartest auf mich
auf den Augenblick
nimmst mich
mit zurück
bist so kalt
wie ich so alt
du Freund
du Tod


Matthias C. Harke
Norheim / Nahe


Richtig gelandet! Beim Informieren auf meiner Homepage wünsche ich gute Unterhaltung.